1.3.2016

"Wag the Dog" – Politik an den Grenzen des Kalten Krieges

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Beobachtungen und Anregungen: Der Historiker Bernd Greiner über ein Thema, das mehr Aufmerksamkeit verdient.

Zu den großen Herausforderungen zeithistorischer Forschung gehört nach wie vor, die vielfach verschränkte Geschichte des Kalten Krieges zu entwirren – gerade in der Dritten Welt. Weil die Grenzen konkurrierender Einflusszonen auf der nördlichen Halbkugel fixiert waren und auf absehbare Zeit undurchdringlich schienen, verlagerten die USA und die UdSSR ihren Kampf um Ressourcen, Deutungsmacht und Prestige seit den späten 1950er Jahren zusehends in die südliche Hemisphäre. In Asien, Afrika und Lateinamerika meldeten sie politische Alleinvertretungsansprüche auf den richtigen Weg in die Moderne an und buhlten um Unterstützung, wenn nicht Gefolgschaft. Ob politische, wirtschaftliche oder militärische Instrumente zum Zuge kamen, hing von den örtlichen Gegebenheiten ab. Im Grunde ging es stets darum, Bastionen der anderen Seite von den Rändern her zu untergraben und möglicherweise zu Fall zu bringen. Ihrerseits auf die Maxime rascher Entwicklung und Modernisierung verpflichtet, ließen sich bemerkenswert viele Eliten der Dritten Welt aus freien Stücken auf diesen Wettbewerb ein. Und zwar umso mehr, je deutlicher die Vorteile einer realen oder gespielten Loyalität zu Tage traten. Immer wieder eröffnete das Engagement der Supermächte den vermeintlich "Schwachen" ungeahnte Handlungsspielräume. Allein die Drohung, ins gegnerische Lager zu wechseln, erwies sich als zuverlässiges Instrument zur Aufstockung von Wirtschafts- und Militärhilfe seitens der scheinbar "Starken". Auch deshalb wurden lokale und regionale Konflikte, die andernfalls aus Mangel an Ressourcen rasch ins Leere gelaufen wären, intensiviert und künstlich in die Länge gezogen – von vorsätzlich inszenierten "Stellvertreterkriegen" erst gar nicht zu reden.

Eine Rekonstruktion dieser Verflechtungsgeschichte wird nicht zuletzt ausführlicher als bisher über "Charismatiker der zweiten Reihe" zu berichten haben. Gemeint sind Potentaten wie Fidel Castro, Norodom Sihanouk, Pol Pot, Haji Mohamed Suharto, Mobutu Sese Seko, Saddam Hussein, Jonas Savimbi, Julius Nyerere oder Nguyen Van Thieu, die mit viel Gespür und Aufwand die west-östlichen Führungsmächte gegeneinander ausspielten und mitunter den Eindruck vermittelten, als wedelte der Schwanz mit dem Hund. Vertreter der so genannten "Blockfreien" wie Gamal Abdel Nasser und Indira Gandhi können ebenfalls zu dieser Kohorte gerechnet werden, waren sie doch weniger einem "Dritten Weg" als vielmehr einer "Schaukelpolitik" zwischen Ost und West verpflichtet. An ihrem Beispiel werden Grenzen des Kalten Krieges deutlich – räumliche, ideologische und politisch-diplomatische Verwerfungen an den Peripherien, die auch für die Politik in den Zentren nicht folgenlos blieben.

 

Bernd Greiner ist Leiter des Berliner Kollegs Kalter Krieg, Mitarbeiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung und Professor für Zeitgeschichte an der Universität Hamburg.

 


Zitierempfehlung:
Bernd Greiner, "Wag the Dog" – Politik an den Grenzen des Kalten Krieges, 01.03.2016, http://berlinerkolleg.com/de/blog/wag-dog-politik-den-grenzen-des-kalten-krieges (bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu)

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