29.8.2017

Der indische Subkontinent als Spielfeld des Kalten Krieges: Deutsch-deutsch-indische Beziehungen im Bangladeschkrieg 1971

Nach einem bekannten Bonmot wird der Kalte Krieg als eine Epoche beschrieben, die "von Jalta nach Malta" reichte. Dies bezieht sich auf die Konferenz von Jalta im Februar 1945 und das amerikanisch-sowjetische Gipfeltreffen auf zwei Kriegsschiffen vor der Küste von Malta Anfang Dezember 1989, bei dem George H. W. Bush und Michail S. Gorbatschow die bipolare Konfrontation offiziell für beendet erklärten. Wenn wir einmal von diesem Zeitraum zwischen 1945 und 1989 ausgehen, dann markiert das Jahr 1971 ungefähr die Halbzeit des Kalten Krieges. Mein Forschungsprojekt fragt nun nach der Positionierung der beiden deutschen Staaten im Bangladeschkrieg, der just in diesem Jahr begann.

Für die beiden deutschen Staaten und Indien und Pakistan bedeuteten die Jahre 1971/72 allemal eine Zäsur. Bundesrepublik und DDR fanden mit der Neuen Ostpolitik unter Willy Brandt und Egon Bahr endlich einen Modus Vivendi. Die DDR war nun nicht mehr das "Phänomen im Osten", als das sie Bundeskanzler Kiesinger einige Jahre zuvor noch bezeichnet hatte, sondern wurde von der Bundesrepublik staatsrechtlich anerkannt, um 1973 gemeinsam mit ihr als gleichberechtigtes Mitglied in die Vereinten Nationen aufgenommen zu werden.

Auf dem indischen Subkontinent hingegen kam es 1971 zu einer weiteren staatlichen Teilung. 1947 war die britische Kolonie Indien grob entlang religiöser Grenzen geteilt in die Unabhängigkeit entlassen worden. Die mehrheitlich muslimischen Provinzen am Indus im Westen und am Gangesdelta im Osten wurden zu Pakistan, während der größere – mehrheitlich hinduistische – Teil dazwischen zur Indischen Union verschmolz. Zwischen dem West- und Ostflügel Pakistans zeigten sich jedoch bald immer größere kulturelle und wirtschaftliche Disparitäten. Der bevölkerungsreichere Ostteil des Landes fühlte sich vom Westteil zunehmend ausgebeutet und seiner bengalischen kulturellen Identität beraubt. Die gemeinsame Religion Islam genügte nicht mehr als Kitt, um die beiden Landeshälften zusammenzuhalten. Indien schürte diesen Konflikt seines Erzrivalen zunächst propagandistisch, als er sich 1971 in einen veritablen Bürgerkrieg auswuchs, aber immer offener auch militärisch. Im Dezember 1971 schließlich trat Indien offiziell in den Krieg mit Pakistan ein, den es nach nur zwei Wochen für sich entscheiden konnte. Bangladesch wurde daraufhin zu einem unabhängigen Staat.

Photo: President Nixon meets with President of Pakistan Yahya Khan 1970 (c) Oliver Atkins, NARA 8451334, Public DomainAuch auf Ebene der Großmächte gab es 1971 eine entscheidende Weichenstellung, die zwar weniger die deutsch-deutsche Entspannungspolitik, dafür aber umso mehr den Konflikt auf dem indischen Subkontinent beeinflussen sollte. Die Sowjetunion und die Volksrepublik China hatten sich in den Jahren zuvor ideologisch entfremdet und waren sogar – unter anderem am Grenzfluss Ussuri – bewaffnet aneinandergeraten. Noch gestattete die Pekinger Führung Moskau aber, die Nordvietnamesen durch China in ihrem Kampf gegen Südvietnam und vor allem die USA zu unterstützen. Letzteren wuchs der Krieg in Südostasien zu diesem Zeitpunkt immer mehr über den Kopf. Der innenpolitische Druck auf die Administration von Nixon und Kissinger, den blutigen und moralisch fragwürdigen Vietnamkrieg zu beenden, war gewaltig. Einen Ausweg sahen sie nun in der Aussöhnung mit China, das dann die sowjetische Rüstungshilfe an Nordvietnam unterbinden würde. Und den Schlüssel nach Peking wiederum suchten die USA beim gemeinsamen Freund Pakistan.

Tatsächlich erwies sich die pakistanische Regierung zum Jahreswechsel 1970/71 als zuverlässiger Makler einer amerikanisch-chinesischen Annäherung. Man verlangte hierfür aber einen gewissen Preis: Pakistan erwartete die Unterstützung Washingtons im brutalen Umgang mit dem abtrünnigen Ostflügel des Landes und gegen den verhassten Nachbarn Indien. Das bis dahin betont bündnisfreie Indien wurde durch diese amerikanisch-pakistanische Kollusion mit Peking nun in die Arme Moskaus getrieben. Am 9. August 1971 unterzeichneten Indien und die Sowjetunion einen "Vertrag über Freundschaft und Zusammenarbeit".

Im Konflikt um Ostpakistan, der zum Dritten Indisch-Pakistanischen-Krieg werden sollte, standen sich im Dezember 1971 also die ostpakistanischen Unabhängigkeitskämpfer, Indien und die Sowjetunion auf der einen und die pakistanische Zentralregierung, die USA und die Volksrepublik China auf der anderen Seite gegenüber. Den USA war nun daran gelegen, den neu gewonnenen Freunden in Peking ihre Zuverlässigkeit unter Beweis zu stellen. Nach Ausbruch der offenen Kriegshandlungen zwischen Indien und Pakistan Anfang Dezember 1971 entsandte Washington zur Abschreckung vor allem Indiens eine Flugzeugträgerkampfgruppe in den Golf von Bengalen. Die sowjetische Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Von Wladiwostok aus starteten mehrere Atom-U-Boote Richtung Süden.

Die dargestellten Zusammenhänge zeigen: der Bangladeschkrieg markiert nicht nur einen potenziell brandgefährlichen Moment in einem Konflikt dreier Atommächte, sondern das Jahr 1971 stellt auch einen Wendepunkt im Kalten Krieg dar.

Bundesrepublik und DDR nun verfolgten im Bangladeschkrieg ganz eigene und von ihren jeweiligen Schutzmächten in Washington und Moskau unterschiedliche Interessen. Die westdeutsche Außenpolitik stand in der Regierungszeit Willy Brandts im Zeichen von Ostpolitik und Entspannung, während die DDR weiterhin um ihre internationale Anerkennung rang. Eine besondere Rolle spielte dabei Indien, das als führendes Mitglied der Blockfreienbewegung wahrgenommen wurde. In der Hoffnung, die zu diesem Zeitpunkt noch aufrechterhaltene Hallstein-Doktrin der Bundesrepublik unterwandern zu können, stellte sich Ost-Berlin daher klar und unbedingt auf die Seite Indiens. Bangladesch drängte sich die DDR durch sofortige Anerkennung des jungen Staates Mitte Januar 1972 sogar förmlich auf. Die DDR-Führung sah sich nach dem sowjetisch-indischen Vertrag zwar als natürlicher Verbündeter Indiens, wagte jedoch keinen entscheidenden Schritt ohne das Moskauer Placet. Denn der Sowjetunion war deutlich weniger an einer internationalen Eskalation des ursprünglich rein innerpakistanischen Konflikts gelegen. Sie hätte allein auf eine – eher unwahrscheinliche – Intervention der USA reagiert.

Photo: Besuch Indira Gandhi, Berlin 1976 (c) Peter Koard, Bundesarchiv Bild 183-R0703-026 , CC-BY-SA 3.0Ähnliches lässt sich über das Verhältnis der Bundesrepublik zu den Vereinigten Staaten sagen. Der Friedensnobelpreisträger Willy Brandt konnte unmöglich – wie die USA es taten – die von der pakistanischen Armee an der ostbengalischen Zivilbevölkerung verübten Massaker hinnehmen. Bonn verhängte dementsprechend ein Waffenembargo sowohl gegen Pakistan als auch gegen Indien. Dahinter stand ebenso sehr Idealismus wie Realpolitik: Indira Gandhi hatte im Sommer 1971 gedroht, sofort die DDR anzuerkennen, sollte sie auch nur einen westdeutschen Panzer in Pakistan sehen. Die Bundesregierung gab nach und so erfolgte die Anerkennung der DDR durch Indien erst am 8. Oktober 1972, Monate nach Ende des Bangladeschkriegs. Andererseits konnte Brandt der US-amerikanischen Linie nicht allzu deutlich zuwiderhandeln, war er doch auf die Rückendeckung Washingtons für seine Ostpolitik angewiesen.

Für die Bundesrepublik wie für die DDR galt im Bangladeschkrieg jedenfalls, dass das spannungsvolle Verhältnis zwischen den beiden Staaten die Einordnung in die ihnen nach der Logik des Kalten Krieges zugewiesenen Rollen teilweise vergessen machte. Und damit ist die These meiner Arbeit umrissen: Beider Südasienpolitik war im Bangladeschkrieg derart auf- und gegeneinander bezogen, dass sie die Bipolarität des Kalten Krieges zeitweise durchbrachen. Bonn und Ost-Berlin verfolgten im Bangladeschkrieg dezidiert nationalstaatliche Eigeninteressen, die sich deutlich von denen ihrer vermeintlichen außenpolitischen Vorbilder diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs unterschieden.

Um diese These zu belegen, kontrastiere ich in meinem Dissertationsprojekt die deutsch-deutsche Annäherung mit der weiteren indisch-pakistanischen Entfremdung in einem Moment, in dem die Welt angespannt wie selten nach Südasien blickte: Seit 1971 hat Indien nie wieder derartige weltpolitische Bedeutung erlangt!

 

Alexander Benatar studierte Rechtswissenschaften mit Schwerpunkt Internationales Recht und Europäische Rechtsgeschichte an den Universitäten Heidelberg, Genf und Münster sowie Moderne Süd- und Südostasienstudien am Institut für Asien- und Afrikawissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit November 2015 ist er dort als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Rahmen des DFG-Langzeitvorhabens "Das moderne Indien in deutschen Archiven, 1706-1989 (MIDA)" tätig. Er stellte sein Projekt im Rahmen des 9. Brown Bag Breakfast des Berliner Kollegs Kalter Krieg am 8.11.2016 vor.

 

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