21.3.2017

Zeitumstellung im Kalten Krieg. Eine deutsch-deutsche Posse

Nicht nur Mauern und Stacheldraht, auch unterschiedliche Zeitzonen markierten Grenzen, die es im Kalten Krieg zu überwinden oder, besser noch, zu verhindern galt. Die Sommerzeit wurde im Ersten und Zweiten Weltkrieg eingeführt in der Hoffnung auf Energieeinsparung. Auch nach der Ölkrise Anfang der siebziger Jahre erschien das Vorstellen der Uhren im Frühling als ein geeignetes Mittel zur Eindämmung des Energieverbrauchs. Bereits 1976 entschloss sich Frankreich zu diesem Schritt, im Jahr darauf folgten die Beneluxstaaten. Die Bundesrepublik hielt sich zurück, um nicht parallel zur staatlichen Teilung Deutschlands eine Zeitgrenze zur DDR entstehen zu lassen, die die innerdeutschen Verkehrsverbindungen noch komplizierter gestaltet hätte.

Bild: Zeitumstellung, Daniel Fr. Plenz, Wikimedia CommonsEine erste Anfrage im Juni 1976 nach einer möglichen Einführung der Sommerzeit in der DDR, verbunden mit dem Hinweis, dass auch Polen diesen Schritt gehen wolle, endete zumindest nicht völlig entmutigend. Der angesprochene Botschaftsrat an der Ständigen Vertretung der DDR in Bonn, Meißner, bestätigte, dass man von der polnischen Ankündigung "überrascht worden sei. Da aber die ČSSR seines Wissens ähnliche Pläne habe, werde sich die DDR nach seiner Einschätzung einer entsprechenden Regelung kaum entziehen können, wenn auch die Bundesrepublik Deutschland die Sommerzeit einführe." (Vermerk vom 24.6.1976, Bd. 115022).

Am 16. Februar 1977 stimmte das Bundeskabinett dem Entwurf eines Zeitgesetzes zu, das die Bundesregierung zur Einführung einer Sommerzeitregelung ermächtigte. Die Bundesregierung fasste jedoch noch keinen Beschluss, ob sie davon für 1978 oder 1979 Gebrauch machen wolle. Zunächst wurde die Ständige Vertretung in Ost-Berlin angewiesen, "auf hoher Ebene die DDR über die Überlegungen der Bundesregierung zu unterrichten, um sie auf diese Weise vorsichtig zu einer kooperativen Haltung zu bewegen. […] Im Hinblick auf den Reiseverkehr und den Transitverkehr von und nach Berlin (West) wäre es dringend erwünscht, im bilateralen Verhältnis unterschiedliche Zeiten zu vermeiden". Die Bundesregierung bat deshalb "um eine Äußerung der DDR zur Frage, ob sie die Einführung der Sommerzeit für 1978 oder etwa für 1979 plant. Eine Entscheidung der Bundesregierung über die Einführung der Sommerzeit für 1978 müsste aus technischen Gründen bis Mitte Mai 1977 erfolgen." (Schreiben des Bundeskanzleramts vom 8.3.1977, Bd. 115022). Doch nichts bewegte sich in Ost-Berlin.

1978 wiederholte sich der Vorgang, diesmal auf protokollarisch höherer Ebene. Am 13. März erläuterte Staatsminister Wischnewski gegenüber dem Leiter der Ständigen Vertretung der DDR in Bonn, Michael Kohl, dass der Bundestag die Verabschiedung des Zeitgesetzes zurückgestellt habe, um zunächst die Haltung der DDR zu sondieren. Am 23. Mai kam die offizielle Antwort: In einem Schreiben Generalsekretär Honeckers an Bundeskanzler Schmidt wurde "erneut die Auffassung bestätigt, dass sich aus der Einführung einer Sommerzeit keinerlei Vorteile, sondern effektive Nachteile auch für den Arbeits- und Lebensbereich der Menschen in verschiedenster Hinsicht ergeben würden" (Vermerk des Bundeskanzleramts vom 23.5.1978, Bd. 116435). Am 22. Juni 1978 verabschiedete der Bundestag das Zeitgesetz. Die Bundesregierung erklärte jedoch am gleichen Tag, zunächst auf die Einführung der Sommerzeit verzichten zu wollen, da eine einheitliche Regelung in West- und Mitteleuropa nicht zu erreichen sei.

Foto: BR 103 im Bahnhof Offenburg, Januar 1986, Wikimedia CommonsEine vergleichbare Rücksichtnahme ließ Ost-Berlin nicht walten. Am 11. Oktober 1979, also lange nach dem von der Bundesregierung genannten Termin Mitte Mai, der eine geordnete Anpassung erlaubt hätte, ließ Honecker Schmidt wissen, dass in der DDR ab 1980 die Sommerzeit gelten werde (vgl. AAPD 1980, S. 1583, Anm. 34). Im Gegensatz zu den im Honecker-Schreiben vom Mai 1978 übermittelten Erkenntnissen schwärmte Ost-Berlin nun von den Möglichkeiten des Energiesparens und der verbesserten Freizeitgestaltung (vgl. http://www.mdr.de/damals/archiv/sommerzeit-ddr100.html). Im Westen brach dagegen Hektik aus – in großer Eile mussten die Fahrpläne für die Bahnverbindungen in den anderen Teil Deutschlands überarbeitet und neu gedruckt werden.

Und bereits im nächsten Jahr war wieder alles anders: Am 16. Oktober 1980 teilte die DDR-Regierung mit, dass sie die Sommerzeit 1981 nicht einführen werde. Als offizielle Begründung wurde u.a. angegeben, die Zeitumstellung habe nicht zu Einsparungen geführt habe, vielmehr sei der Benzinverbrauch sogar gestiegen – Ergebnis vermehrter Ausflüge in den hellen Abendstunden. Das Auswärtige Amt machte jedoch die Entwicklung in Polen verantwortlich, insbesondere den Erfolg der Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc, der zu einer ideologischen Verhärtung Ost-Berlins geführt habe mit negativen Auswirkungen auch auf die innerdeutschen Beziehungen. Bundeskanzler Schmidt machte seinem Zorn auf Honecker in einem Gespräch mit Margaret Thatcher am 17. November 1980 Luft: "Wohl nur, um uns zu ärgern, wolle er jetzt sogar als einziger in Europa keine Sommerzeit einführen." (vgl. AAPD 1980, S. 1721).

Die DDR konnte jedoch ihre Position als "Zeitinsel" in Europa – neben den übrigen RGW-Staaten hatte selbst die UdSSR mittlerweile die Sommerzeitregelung übernommen – nicht durchhalten: Im Frühjahr 1981 wurden die Uhren wieder vorgestellt.

Doch auch in den folgenden Jahren gestaltete sich die deutsch-deutsche Zeitabstimmung nicht unproblematisch. Während 1982 die Bundesregierung im Sinne einer EG-einheitlichen Regelung die Einführung der Sommerzeit zunächst bis Mitte der 80er Jahre beschlossen hatte, machte es Ost-Berlin in jedem Herbst wieder spannend. Besonders holprig verliefen die Gespräche 1983. Am 21. Oktober berichtete die Ständige Vertretung in Ost-Berlin, dass der Abteilungsleiter im MfAA Seidel mitgeteilt habe, "seine Seite habe für 1984 die Entscheidung getroffen, die Sommerzeit nicht einzuführen". Man sei zu dem Ergebnis gekommen, die Sommerzeit bringe nichts außer Ärger in der Landwirtschaft und in den Schulen. (Fernschreiben Nr. 1568 vom 21.10.1983; Bd. 132628).

In den nachfolgenden Wochen mussten zweimal die Gespräche über den innerdeutschen Eisenbahnverkehr zwischen Deutscher Bundesbahn (DB) und Deutscher Reichsbahn (DR) ergebnislos vertagt werden. Die Vertreter der DR wollten nur auf der Basis der MEZ verhandeln und forderten von der DB die Zusicherung, alle Kosten zu übernehmen, die mit der Überbrückung der Zeitdifferenz einhergehen würden. Am 23. November beschwerte sich die DDR-Regierung im Bundeskanzleramt über die "destruktive Haltung der DB" und wies darauf hin, dass jeder Staat das souveräne Recht habe, "über die auf seinem Territorium geltende Zeitregelung zu entscheiden". (Fernschreiben Nr. 2000 des Bundeskanzleramts vom 23.11.1983; Bd. 132628). Erst am 29. Dezember teilte die Ständige Vertretung der DDR in Bonn dem Bundeskanzleramt offiziell die Beibehaltung der Sommerzeit auch für 1984 mit.

Während im Westen Europas Routine einkehrte – Ende 1984 sprach sich der Ausschuss der Ständigen EG-Vertreter in Brüssel für die Beibehaltung der Sommerzeit bis 1988 aus –, erfolgte die offizielle Unterrichtung Bonns über den Beschluss der DDR, auch 1985 die Sommerzeit einzuführen, erst am 18. Februar 1985. Doch war auch die DDR zu stark mit ihren Nachbarn wirtschaftlich verflochten, um einen Alleingang riskieren zu können. Und so stellten beide deutsche Staaten parallel die Uhren um, bis die Wiedervereinigung 1990 auch dieses Problem löste.

 

Annotationen:

Der Jahrgang 1980 der Edition der Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland (AAPD) ist als e-book bestellbar.

Die sechsstelligen Bandnummern bezeichnen Bände im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts, Zwischenarchiv.

 

Dr. Ilse-Dorothee Pautsch ist wissenschaftliche Leiterin der Edition „Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland“ im Institut für Zeitgeschichte, Abteilung Auswärtiges Amt

 

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