11.4.2016

Wieder gelesen: "Environmental Histories of the Cold War"

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Ein Feld, das in der deutschen Forschung zum Kalten Krieg bislang fast völlig ausgeblendet blieb, ist die Umweltgeschichte. Dass der weltumspannende Systemkonflikt auch umweltpolitische Folgen hatte, ist einsichtig, denkt man an die ökologischen Auswirkungen von Atombombentests und des Einsatzes von Chemiewaffen im Vietnam-Krieg. Dennoch nahmen sich Cold War-Historiker und Umwelthistoriker gegenseitig lange Zeit kaum zur Kenntnis, wie John McNeill und Corinna Unger in dem 2010 erschienenen Sammelband "Environmental Histories of the Cold War" betonen: "[They] have almost completely ignored one another's work [...] like two ships passing in the night" (S. 4).

Cover: McNeill, John/Unger, Corinna: Environmental Histories of the Cold War, (New York: Cambridge University Press, 2010)Tatsächlich zeigt der Band, dass es sich lohnt, eine Umweltgeschichte des Kalten Krieges zu schreiben. Dies betrifft erstens die Umweltbelastung und die Sicherung von Rohstoffen, die im Zeichen des "military-industrial-academic complex" nicht nur in den USA, sondern mindestens ebenso sehr in den sozialistischen Staaten dem politischen Systemkonflikt untergeordnet waren. Im Band untermauern dies ein Beitrag von Paul Josephson zur Ausbeutung natürlicher Ressourcen in der Sowjetunion und ein Aufsatz von Mark Merlin und Ricardo Gonzalez zu den Folgen der amerikanischen, britischen und französischen Atombombentests in Ozeanien. Der Sammelband fokussiert zweitens insbesondere das Feld von Wissenschaft und Expertise: Meteorologie und Klimaforschung erhielten erst durch die Systemkonkurrenz eine neue Dynamik, wie Beiträge von Kristine Harper und Ronald Doel sowie Matthew Farish am Beispiel der USA und Indiens zeigen. Mit der Weltraum- und Satellitenforschung, die mit dem sogenannten Sputnik-Schock zur Prestigeangelegenheit zwischen Ost und West avancierte, entstanden auch Bilder des verletzlichen Planeten Erde, welche das Umweltbewusstsein schärften und die entstehende Umweltbewegung anfachten. In der Tat – und dieser dritte Aspekt kommt im Band etwas kurz – überlappten sich ja Umwelt- und Friedensbewegung im zivilgesellschaftlichen Protest gegen den drohenden Atomkrieg. Grundsätzlich, dies wäre ein vierter Aspekt, rückte die Umweltbelastung in der Industriemoderne – in den "fortgeschrittenen Industriegesellschaften", wie der Topos damals lautete – um 1970 verstärkt in den Fokus, und im Zeichen der Entspannung brachte dann das Umweltthema West und Ost (etwa im Rahmen der KSZE) in einen Dialog, wie Kai Hünemörder in seinem Beitrag über die "soft politics" der Détente zeigt. Fünftens lässt sich fragen, welche Bedeutung das Ende des Kalten Krieges für die Umweltgeschichte bedeutete. Frank Uekötter argumentiert, dass das Ende des Systemkonflikts nur einen "half-hearted turning point" der Umweltgeschichte (S. 350) bildete: Der Earth Summit, die UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992, beschwor das Leitbild der "nachhaltigen Entwicklung" und löste neuen Aktivismus aus, habe aber nicht zu grundlegenden Veränderungen in der internationalen Umweltpolitik und den Lebensweisen in den nördlichen Gesellschaften geführt.

Wichtig erscheint, noch stärker die Wahrnehmungen und Interessendefinitionen in West und Ost in den 1970er und 1980er Jahren am Schnittpunkt von Umweltpolitik, Umweltwissenschaft und sozialen Bewegungen in den Blick zu nehmen, um zu erkunden, wie beide Seiten die Industriemoderne und ihre Folgen für das Ökosystem in der Zeit der "reflexiven Moderne" bewerteten, wie sie mit der damit verbundenen globalen Weitung der Perspektive umgingen und welche Rolle hierbei der globale Süden spielte. Dies eröffnet auch eine wichtige Perspektive auf die Grenzen des Kalten Krieges. Die Grundlagen hierzu liefert der Band von McNeill und Unger.

 

Prof. Dr. Elke Seefried ist Zweite Stellvertretende Direktorin des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin und Professorin für Neueste Geschichte an der Universität Augsburg.

 


Zitierempfehlung:
Elke Seefried, Wieder gelesen: "Environmental Histories of the Cold War", 11.04.2016, http://berlinerkolleg.com/de/blog/wieder-gelesen-environmental-histories-cold-war (bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu)

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