25.10.2016

Nach Fest kommt Flüssig

Lange Zeit hat sich die Forschung zum Kalten Krieg auf die bipolare Ordnung der Ost-West-Beziehungen konzentriert. Ohne die Ergebnisse in Frage zu stellen, kann und sollte aber auch gefragt werden, ob und wie zur gleichen Zeit das bipolare Ordnungsmuster ausgehebelt, umgangen oder sogar aufgelöst wurde.

Keine Frage: it takes two to tango. Und der Kalte Krieg bot eine in diesem Sinne ziemlich beeindruckende Tanzchoreographie. Oder als Langversion: Die Konstellation des Ost-West-Systemkonflikts bildete in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein mächtiges bipolares Ordnungsmuster aus, das global- wie mikrohistorisch fundamentale Wirkungen zeigte und erzeugte. Keine Frage ist aber auch, dass diese Beschreibung zu einem ebenso mächtigen Narrativ gerann, von dem die Protagonisten des Kalten Krieges nicht nur profitierten, sondern an dem sie selbst mitwirkten. Wer sich mit nur einem Kontrahenten um die internationale Weltmachtposition streitet, kann sich der Spielregeln und Verhaltensmuster im Konflikt einigermaßen sicher sein. Diese Sicherheit aufrechtzuerhalten, lag nicht nur im Interesse der USA und Sowjetunion – sie lebten davon. Tango eben.

Lange Zeit hat sich auch die Forschung an diesem Narrativ orientiert und – von der bipolaren Ordnung ausgehend – die konflikthafte Ost-West-Verflechtung auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenen Regionen nachgezeichnet. Ohne die Ergebnisse in Frage zu stellen, kann und sollte aber auch gefragt werden, ob und wie zur gleichen Zeit das bipolare Ordnungsmuster ausgehebelt, umgangen oder sogar aufgelöst wurde. Konkret geht es hierbei um die Frage, inwieweit die Annahme vom omnipräsenten Kalten Krieg aufgebrochen werden kann, ohne seine Totalität in Zweifel zu ziehen. Wenn man annimmt, dass die Konstellation des Kalten Krieges bis in politisches Denken, in Wissenssysteme oder Alltagspraktiken diffundierte, ergibt sich die ebenso naheliegende Frage, wo und wie sich Areale der Abgrenzung und Abweichung oder separater Existenz bildeten. Die Kriegsstruktur des Kalten Krieges differenzierter zu betrachten, bedeutet auch, seine grundlegende Konstitution als binäre Supermachtstruktur ebenso zu hinterfragen wie die von ihm scheinbar eindeutig beeinflussten territorialen, institutionellen oder epistemischen Ausprägungen.

Es braucht eines gewissen kulturhistorischen Kniffs, um solche Gleichzeitigkeiten erkennbar, unterscheidbar, aber auch analytisch aufeinander bezogen fassbar zu machen. In diesem Sinne ging der Workshop "Fenster im Kalten Krieg. Über Grenzen, Alternativen und Reichweite einer binären Ordnungsvorstellung" vor, der im vergangenen Jahr an der Humboldt Universität stattfand und von dem in den kommenden Monate noch Schriftliches zu erwarten ist. Verflechtungsgeschichte sollte weitergedacht werden, die "Figur des Dritten" dabei helfen. Die Relevanz des Dritten ist keine Neuigkeit – Mythen, Psychoanalyse oder Paarbeziehungen bekommen seit jeher ihren "drive"durchs Dritte. In den Cold War Studies stellt die Figur des Dritten hingegen eine neue Herausforderung dar und nicht zuletzt den Anspruch, das selbsterzeugte Forschungsparadigma fundamentaler Grenzziehung in Frage zu stellen: Dezentrierung und Hybridisierung sind in diesem Zusammenhang keine kulturwissenschaftlichen Phrasen, sondern markieren einen zeitgemäßen Perspektivenwechsel.

Foto: wehrhafte Neutralität. Höckersperre bei Gurmels, Fribourg, Wikimedia Commons, Clément Dominik, CC BY-SA 2.0 deWie so etwas aussehen könnte und welche konzeptionellen und theoretischen Baustellen damit eröffnet werden, zeigt sich an einigen Beispielen, die während des Workshops diskutiert wurden: Massiv und manifest eingebettet in starke Kontinuitäten des Sicherheitsdenkens tauchen da etwa die schweizerischen Bunkerbauten auf. Schweizer Bunker lassen sich aber auch als Raum der Möglichkeiten fassen, der nach 1945 eine geradezu vollkommen gedachte Form von Neutralität repräsentierte. Nach Jahrzehnten des nahezu einhelligen Ausbaus erodierte ab den 1980er Jahren dieser Monolith des Schutzes. Indem die binär codierte Bedrohung aufgebrochen und gesellschaftlich zunehmend mehrfache Bedrohungslagen diskutiert wurden, nahm die Schutzfunktion des Bunkers innerhalb der Ost-West-Koordinaten ab. Ähnliche Auflösungserscheinungen offenbarten sich in zivilgesellschaftlich-politisch geführten Sicherheitsdebatten. Der machtpolitischen Binarität zwischen Ost und West traten alternative, gleichwohl auch binär codierte Ordnungsmuster an die Seite: Nord-Süd-Denken, Theorien der Interdependenz oder Globalität, Konzepte wie die "gemeinsame Sicherheit", die "europäische Sicherheit" oder ein multipolares Sicherheitssystem.

Der Akt der Grenzüberschreitung veränderte das Gesamtgefüge. Er gerät somit in seiner Handlungslogik zum historisch interessanten Phänomen an sich. Weiter gefasst ließe sich von Transzendenz sprechen, also einem Modus, in dem die im Grundmuster des Kalten Krieges bewährten Zuordnungen ins Leere liefen oder dazu führten, die Instrumente erst zu schaffen, mit denen die eigenen Gewissheiten aufgelöst wurden. Konkret lässt sich das an den machtpolitischen Strategien peripherer oder blockfreier Staaten diskutieren, etwa an der unterschiedlichen Organisationsentwicklung des Militärbündnisses Southeast Asia Treaty Organisation (SEATO) und dem Wirtschaftszusammenschluss Association of Southeast Asian Nation (ASEAN). In ihnen positionierten sich südostasiatische Länder nicht nur in den Koordinaten des Kalten Krieges, sondern changierten im Verhalten je nach seinem Verlauf. Die Figur des Dritten tritt hier als ein vermeintliches Paradoxon auf, denn die ASEAN-Politik ab Ende der 1960er Jahre konzentrierte sich über die Schaffung eines Wirtschaftsraumes hinaus auf die Sicherung der eigenen Herrschaft oder auf Herstellung eines kulturell-ideellen Raumes. Dies durchzusetzen und durchzuhalten bedurfte der expliziten Distanzierung von den herkömmlichen Blockzuordnungen, die umso deutlicher konturiert wurde.

Foto: CARE-Paket 1948, Wikimedia Commons, Bundesarchiv Bild 183-S1207-502Ganz anders gelagert, aber ähnliche Phänomene aufweisend, entfalteten die bündnisfreien Staaten eine Agency als Teil des Kalten Krieges. Im kapitalismuskritischen Gestus der 1970er Jahre verwiesen etwa Indien, Jugoslawien oder Ägypten auf den Nord-Süd-Gegensatz, boten eine eigene binär codierte Lesart der Weltordnung an, ohne aber den Ost-West-Gegensatz aufzulösen. Auch humanitäre NGOs agierten innerhalb zweier Ordnungssysteme, die sich nicht widersprachen, sondern aufeinander bezogen wirkten: Die Cooperative for American Relief Everywhere (CARE) musste sich sowohl in den USA innenpolitisch legitimieren als auch international Überparteilichkeit unter Beweis stellen. Humanitäre Arbeit konnte den sozialen und wirtschaftlichen Druck in schwächeren Ländern verringern, aber gleichermaßen nutzten NGOs die Bedrohungslage des Kalten Krieges, um ihre eigene Relevanz als zivilgesellschaftlicher Akteur eines freiheitlichen, global agierenden "Westens" in der internationalen Ordnung zu unterstreichen.

Das Dritte in den Logiken des Kalten Krieges war sowohl Grenzüberschreitung als auch Möglichkeitsraum, es zeigte sich in alternativen Lesarten wie in gebauten (Flucht)Orten, an Randzonen, in Form von Terra Nullius oder "Erbe der Menschheit". Die superpowers des Kalten Krieges mussten solche Räume und Zonen bedeutungsvoll besetzen, denn im total gedachten Kalten Krieg konnte es kein "außen" geben. Aber eindeutige Inbesitznahmen – materiell, ideell, diskursiv oder performativ – wurden im Laufe der Zeit schwierig und mussten ab den 1970er Jahren endgültig mit pluralen Weltdeutungen konkurrieren. Den existentiell aufeinander bezogenen Großmächten USA und Sowjetunion erwuchs somit ein Gegenüber.

Der Befund vom Verlust der Übersichtlichkeit und Steuerungsfähigkeit seit den 1970er Jahren ist bekannt, kann aber mit den triangulierenden Analysen des Workshops gegen den Strich gelesen werden. Denn weiterhin ist zu fragen, in welchem Zusammenhang die Effekte einer zunehmend komplexen Problemlage mit den verfeinerten Instrumenten (theoretisch, organisatorisch, kommunikationstechnologisch) der Weltbeobachtung standen. Für die Cold War Studies bedeutet dies, über den Tellerrand der eigenen Community zu schauen beziehungsweise – um das Bild wieder aufzugreifen – auch unkonventionelle Tanzschritte hinzulegen. Im Angebot ist eine heuristisch verzwickte, aber lohnenswerte Konstellation: Die "Figur des Dritten" erweist sich in den Cold War Studies als flüssige Figuration. Aber anders als der oft bemühte Pudding lassen sich ihre Einzelteile durchaus an die Wand nageln.

(Eine Langversion dieses Beitrages erscheint in der Militärgeschichtlichen Zeitschrift MGZ 75 (2016), Heft 2)

PD Dr. Claudia Kemper ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Hamburger Institut für Sozialforschung.

Die von den einzelnen Autoren und Autorinnen veröffentlichten Texte und Artikel geben nicht die Meinung der Redaktion wieder.


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