15.4.2016

Militärische Landschaften

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Die Relikte des Kalten Krieges waren Thema einer Tagung, die am 27./28. Februar in Fulda stattfand. Dazu eingeladen hatte das von Prof. Dr. Florian Dünckmann geleitete und von Dr. Gunnar Maus bearbeitete DFG-Projekt "Militärische Landschaften", das jüngst an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel abgeschlossen worden ist. Im vhs-Forum Kanzlerpalais präsentierten Denkmalschützer sowie lokale Initiativen und Einzelpersonen zwei Tage lang ihre Anstrengungen, die militärische und zivile Infrastruktur des Kalten Krieges nicht nur zu inventarisieren, sondern in exemplarischen Fällen zu erhalten und nach Möglichkeit auch zugänglich zu machen. Konkret ging es um militärische und zivile Bunkeranlagen, Sperranlagen, die einen Vormarsch des Warschauer Paktes hätten verlangsamen sollen, Ausweichlandebahnen für die NATO-Luftwaffe, Radarstationen, Funktürme und Raketendepots. Während die baulichen Hinterlassenschaften des Kalten Krieges etwa in Großbritannien oder Dänemark mittlerweile als Teil der Erinnerungskultur gelten und mitunter als Denkmale geschützt werden, fehlt es in Deutschland bislang an Sensibilität für dieses Kapitel der jüngsten Geschichte. Seit Jahren bauen die Bundeswehr, die Bundesimmobilienverwaltung sowie Länder und Kommunen die Infrastruktur systematisch zurück, die bis 1989/90 zur Abschreckung, aber auch zur Vorbereitung eines möglichen Krieges errichtet worden war. Welches Ausmaß diese Infrastruktur einst hatte, wurde in den Präsentationen vieler Referenten deutlich, die diese Bauwerke zum Teil in ihrer Freizeit in langen Jahren kartografisch erfasst und visualisiert haben. Allerdings war ihr Fokus allein auf die Relikte des Kalten Krieges in Westdeutschland und West-Berlin gerichtet. Die Teilung der Welt, die nach 1989 im Großen überwunden wurde, lebt im Kleinen in unseren Erinnerungskulturen immer noch fort.

Photo: Tagung Relikte des Kalten Krieges, Fulda, 26./27.2.2016 by Ulrich Mählert (Bundesstiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur)Die öffentliche Hand oder auch Stiftungen für den materiellen Erhalt dieser Bauwerke und eine Unterstützung einschlägiger Bildungsarbeit zu gewinnen, fällt nach wie vor schwer. Dies mag auch dem Umstand geschuldet sein, dass sich viele Aktivisten hauptsächlich für die technisch-militärische Seite ihrer Objekte interessieren und die historischen Rahmenbedingungen nur als Kontext betrachten. Das Desinteresse des Bundes, der Länder und Gemeinden ist vor allem jedoch Ausdruck einer Geschichtsvergessenheit, die in den 1990er Jahren beispielsweise in Berlin im Umgang mit der Berliner Mauer zu beobachten war – sie wäre fast spurlos aus dem Stadtbild getilgt worden, hätten Aktivisten nicht dagegen angekämpft. Mit der Wiedervereinigung wurde die bauliche Hinterlassenschaft des Kalten Krieges zu einem Anachronismus, dem keine Bedeutung mehr beigemessen wurde. Mag sein, dass die gegenwärtige Eiszeit zwischen dem Westen und Russland, der Krieg in der Ukraine und das Gerede von einem neuen Kalten Krieg zu einem veränderten Blick auf die Relikte des tatsächlichen Kalten Krieges führen, in dem das geteilte Deutschland als Schauplatz eines atomaren Schlagabtausches eingeplant war.

 

Dr. Ulrich Mählert leitet den Arbeitsbereich Wissenschaft und Internationale Zusammenarbeit bei der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

 

Zitierempfehlung:
Ulrich Mählert, Militärische Landschaften, 15.04.2016, http://berlinerkolleg.com/de/blog/militaerische-landschaften (bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu)

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