31.5.2016

Medizin gegen den Kalten Krieg

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Der Kalte Krieg hatte tiefgreifende Auswirkungen auf den Alltag und das Leben aller Menschen in Ost und West. Er war eben keinesfalls nur ein ideologischer, militärischer oder politischer Konflikt, sondern ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Wer trotz der umfangreichen Forschung der vergangenen Jahre diese einfache Wahrheit noch immer nicht vernommen haben mochte, hatte bei der Veranstaltung 'Medizin gegen den Kalten Krieg', die am 28. April im Willy-Brandt-Forum Berlin stattfand, die Gelegenheit dazu.

Der Anlass der Veranstaltung war die Präsentation des neuen Buches 'Medizin gegen den Kalten Krieg. Ärzte in der anti-atomaren Friedensbewegung der 1980er Jahre' von PD Dr. Claudia Kemper, Mitarbeiterin am Hamburger Institut für Sozialforschung. Sie hat in ihrer nun veröffentlichen Habilitation die Geschichte der westdeutschen Sektion der Nichtregierungsorganisation "International Physicians for the Prevention of Nuclear War (IPPNW) / Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs - Ärzte in sozialer Verantwortung e.V." vom Gründungsjahr 1980 bis in die zweite Hälfte des Jahrzehnts aufgearbeitet. Dazu konnte sie auf den umfangreichen Aktenbestand der Organisation zurückgreifen, den diese vor ein paar Jahren der Forschungsstelle für Zeitgeschichte Hamburg zur Verfügung gestellt hatte. Deren Direktor, der Zeithistoriker Prof. Dr. Axel Schildt, hat es sich dann auch nicht nehmen lassen, das im Anschluss an die Buchpräsentation stattfindende Zeitzeugengespräch mit der Berliner Anästhesistin und Mitbegründerin der westdeutschen IPPNW, Dr. med. Barbara Hoevener, zu moderieren. Die Veranstaltung des Willy-Brandt-Forums fand in Kooperation mit dem Berliner Kolleg Kalter Krieg und mit freundlicher Unterstützung des Wallstein-Verlages statt.

In ihrer Einführung umriss Claudia Kemper zunächst den Gegenstand ihrer Forschung: die internationale Friedensorganisation IPPNW und ihre westdeutsche Sektion. Sie war im Jahr 1980 auf Anregungen aus den USA gegründet worden, konnte allerdings strukturell auf lokalen Ärzteinitiativen aufbauen, die sich in der Bundesrepublik seit den 1970er-Jahren gegen die sogenannte 'friedliche Nutzung' der Atomkraft engagiert hatten.

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Cover: Claudia Kemper: Medizin gegen den Kalten Krieg (Göttingen: Wallstein Verlag 2016)

Cover: Claudia Kemper: Medizin gegen den Kalten Krieg (Göttingen: Wallstein Verlag 2016)

Es sind in erster Linie drei analytische Ebenen, welche die Autorin an der komplexen Ausgangslage interessieren. Zum ersten untersucht sie die Spannungsverhältnisse, die sich zwischen den verschiedenen organisatorischen Einheiten der Nichtregierungsorganisation auftun. Von besonderem Interesse erweisen sich mit Blick auf die Bundesrepublik hierbei die Konfliktlinien, die sich aus der Zusammenarbeit von ost- und westdeutscher IPPNW ergeben haben. Auf einer zweiten Ebene fragt die Autorin danach, welchen Einfluss die Tatsache hatte, dass es sich bei der IPPNW um eine Organisation handelt, die nur einer Profession, eben den Ärztinnen und Ärzten, offensteht. Nach Einschätzung von Claudia Kemper war dies für viele Mitglieder wesentlich, die ihr Engagement stärker aus dem moralischen Ethos des eigenen Berufes begründeten als aus einer bestimmten politischen Haltung. Drittens kann schließlich anhand der Ärzteorganisation nachgezeichnet werden, wie verwoben der Protest gegen die atomare Rüstung in den 1980er-Jahren mit den vielschichtigen Diskussionen und Debatten der Bundesrepublik war. Spätestens in diesem Zusammenhang wird jedem ersichtlich, dass der Kalte Krieg die Gesellschaft als Ganzes durchdrungen hat.

Das anschließende Zeitzeugengespräch der Autorin mit der Ärztin Barbara Hoevener, einem Gründungsmitglied der westdeutschen IPPNW, bestätigte die Ergebnisse der Studie und unterfütterte sie mit anschaulichen Anekdoten, zu denen auch die zahlreichen anderen Zeitzeugen im Publikum beitrugen. Sehr eindrücklich wurden dadurch noch einmal die spannungsreichen Verhältnisse dargelegt, in denen die westdeutsche IPPNW sich in den 1980er-Jahren bewegte. Das betraf zum einen das Verhältnis zur Politik, in die man sich mit dem eigenen Protest zwar einmischte, zu deren politischen Parteien man, selbst im Fall der Grünen, aber weitgehend Distanz wahrte. Dass die Politik selbst auf der anderen Seite nicht vor Einflussversuchen zurückschreckte, belegen die zum Teil haarsträubenden Geschichten, die sich im Umfeld der Verleihung des Friedensnobelpreises an die IPPNW im Jahr 1985 abspielten. Ein weiteres Spannungsfeld tat sich in der Zusammenarbeit mit der Bundesärztekammer auf, von der Barbara Hoevener sehr anschaulich und zugleich äußerst abgewogen zu berichten wusste. Es wurde deutlich, wie sich das Verhältnis im Laufe der Jahre entspannte und es der IPPNW dadurch gelang, ihre Thesen einem breiten Publikum vorzutragen. Insgesamt hätte man gerne ein bisschen mehr über diese konkrete 'Arbeit' der Organisation erfahren an diesem Abend, über die Art ihrer Netzwerke und Protestformen und wie sie dadurch in die bundesdeutsche Gesellschaft hineingewirkt hat. Aber vielleicht war es auch nicht schlecht, dass diese Fragen offen blieben, Antworten wird sicherlich die Lektüre des neuen Buches von Claudia Kemper bieten.

 

Dr. Daniel Gerster ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Centrum für Religion und Moderne der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

 

Zitierempfehlung:
Daniel Gerster, Medizin gegen den Kalten Krieg, 31.05.2016, http://berlinerkolleg.com/de/blog/medizin-gegen-den-kalten-krieg (bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu)

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