4.5.2016

"Ku'damm 56"

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In letzter Zeit hat der Kalte Krieg im Film Konjunktur: "Bridge of Spies" lief 2015 im Kino, in einer Dokumentationsreihe auf "ZDF-Info" werden die "Geheimnisse des Kalten Krieges" (2016) gelüftet, Rückblicke auf den Krieg in Vietnam sind ohnehin Dauerbrenner. Auch der ZDF-Dreiteiler "Ku'damm 56" mit der Frontstadt Berlin im Mittelpunkt scheint das Thema zu bedienen – zumindest auf den ersten Blick. Tatsächlich aber zeichnet die Drehbuchautorin Annette Hess ("Weißensee") einen Kalten Krieg der ganz anderen Art, einen auf dem Tanzboden ausgetragenen Konflikt der Generationen: Klassischer Gesellschaftstanz vs. Dirty Rock'n'Roll. Was macht die strenge Inhaberin der Tanz- und Gesellschaftsschule "Galant" am Kurfürstendamm nicht alles, um ihren drei Töchtern möglichst vorteilhaft unter die Haube zu bringen. Mit einer "guten Partie", wie es damals hieß. Ausgerechnet die unscheinbare Rebellin der Familie, Monika (Sonja Gerhardt), bringt die manische Männerjagd ihrer Mutter auf den Punkt: "Brauchen Frauen überhaupt einen Mann?" Im Kern geht es um Geschlechterrollen und die Art und Weise, wie Mitte der 1950er Jahre über dieses Thema diskutiert wurde. Abtreibung, Ehemänner, die darüber entscheiden konnten, ob ihre Angetrauten einer Arbeit nachgingen oder nicht, schließlich die mit dem § 175 unter Strafe gestellte Homosexualität.Photo: Kudamm 56, Drehstartfoto v.li. Eva Schöllack (Emilia Schüle), Monika Schöllack (Sonja Gerhardt), Caterina Schöllack (Claudia Michelsen), Helga Schöllack / von Boost (Maria Ehrich), (c) obs/ZDF/Stefan Erhard

Für die bröckelnden Fassaden antiquierter Konventionen dient der Kalte Krieg nur als Kulisse voller Klischees. Hier das neu entstandene Hansa-Viertel im hellen Licht und der Ku'damm als Postkartenidylle, dort der noch immer in Trümmern liegende östliche Stadtteil, düster und grau. Mit dem seit 1944 verschollen geglaubten Vater zieht die Ost-West-Konfrontation als Stereotyp auch in die Familie ein: Aus Buße für die Nazi-Vergangenheit, in der sich das Ehepaar Schöllack die Tanzschule "Galant" von einer jüdischen Familie angeeignet hatte, blieb der Vater (Robert Schupp) nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft in Ostberlin und half beim Aufbau einer neuen Gesellschaft. Wer will, kann Anspielungen auf den antifaschistischen Gründungsmythos der DDR heraushören. Zum Verständnis des zeitlichen Kontextes trägt dies aber genauso viel bei wie der flapsige Hinweis auf die Tanzschülerin mit der "Frisur wie eine Wasserstoffbombe". Schade. Denn gerade über den Zusammenhang von Kalten Krieg und neu definierten Geschlechterrollen hätte sich mehr und Besseres sagen lassen.

 

Sophie Lange, M.A., ist wissenschaftliche Hilfskraft am Berliner Kolleg Kalter Krieg und Doktorandin an der Humboldt-Universität zu Berlin.

 

Zitierempfehlung:
Sophie Lange, "Ku'damm 56", 04.05.2016, http://berlinerkolleg.com/de/blog/kudamm-56 (bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu)

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