31.1.2017

Grenzvermessungen

Die Grenzen des Kalten Krieges in den Blick zu nehmen, kann neue Perspektiven für die Forschung eröffnen. Die Kalte-Kriegs-Logik sei, so Frank Reichherzer, in der Geschichtswissenschaft kritisch auf den Prüfstand zu stellen: Der Begriff sei einer nach binären Logiken codierten Ordnungsvorstellung verpflichtet, die in verschiedene Bereiche der Gesellschaft eingedrungen sei, aber niemals totale Züge angenommen habe. Ihre Reichweite müsse immer wieder neu vermessen werden. Zudem habe sich mit der Debatte um die "Provinzialisierung Europas" und der Expertise für andere Weltregionen die Perspektive auf den Kalten Krieg in den letzten Jahren deutlich erweitert.

Foto:  HIS, © Bodo DretzkeElke Seefried verwies auf drei Dimensionen des Grenzthemas: Erstens lasse sich nach dem Übertreten der Grenzen im wörtlichen Sinne fragen, nach Kontakten, Austauschprozessen und Verflechtungen zwischen West und Ost – und zwar im Hinblick auf politische Akteure, Parteien, Verbände, Wirtschaft und Wissenschaft. Dies sei eine in der Forschung noch immer unterbelichtete Frageperspektive. Zweitens seien Aufbau, Veränderung und Erosion von mentalen Grenzen, von ideologischen Gegensätzen und bipolaren Weltbildern also, zu erkunden. Drittens richte sich der Blick auf die Grenzen der Wirkungs- und Erklärungskraft des Kalten Krieges im Verhältnis zu anderen Großprozessen wie der Dekolonisation oder der Globalisierung.

Dass die Frage nach den Grenzen des Kalten Krieges auch auf die Potentiale der "Cultural Cold War Studies" zielt, betonte Sibylle Marti: Der Kalte Krieg sei eben auch ein imaginärer Raum gewesen, in den sich ganz verschiedene Ordnungsmuster einschreiben konnten. Dies gelte in besonderer Weise für die Herausforderungen, die sich aus dem drohenden Atomkrieg ergaben und zur Bildung neuer Sicherheitsdispositive führten.

Dennoch, so Malte Rolf, stelle sich die Frage, ob der Grenzbegriff die Polyvalenz des Kalten Krieges abbilden könne. Insbesondere müsse die Forschung dabei die Eigendynamiken in West und Ost betrachten. So seien die Spielräume für Grenzübertritte und Austauschprozesse in autoritären Regimen eigens zu analysieren, ebenso wie die Funktion und Bedeutung der Grenzwächter und Blockierer von Kontakten. Hier gelte es, die Dynamiken von unten – aus der Gesellschaft – und von oben – aus der Politik – entsprechend zu verorten.

Die Diskussion thematisierte Formen und Phasen der Grenzverschiebungen: In den 1970er Jahren wurden etwa auf beiden Seiten verstärkt gemeinsame globale Probleme wahrgenommen (etwa die Umweltbelastung), und dies sei mit veränderten mental maps einhergegangen. Ferner diskutierte die Runde die Frage nach den Grenzen des Begriffs "Kalter Krieg" – der ja in den sozialistischen Staaten keine Verwendung fand. Jedenfalls könnten mit Fragen nach den Grenzen und ihren Verschiebungen, darin war man sich einig, Vorstellungen einer statischen geteilten Welt aufgebrochen und stärker die Dynamiken dieser Epoche beleuchtet werden.

 

Prof. Dr. Elke Seefried ist Zweite stellvertretende Direktorin des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin und Professorin für Neueste Geschichte an der Universität Augsburg.

Die von den einzelnen Autoren und Autorinnen veröffentlichten Texte und Artikel geben nicht die Meinung der Redaktion wieder.


Wollen Sie immer auf dem neuesten Stand unserer Blog-Aktivitäten sein?  Hier das Blog Abonnement.