8.9.2016

"Gärtner führen keine Kriege. Preußens Arkadien hinter Stacheldraht" - Eine Ausstellung im Schloss Sacrow

"Als ob Sie mit einem Messer einen Schlitz in ein Gemälde von Rembrandt machen" – 28 Jahre lang war das heutige UNESCO Weltkulturerbe der preußischen Schlösser und Gärten entlang der Havel deutsch-deutsches Grenzgebiet: Mauer, Zäune und Todesstreifen durchschnitten diese einzigartige Kulturlandschaft, die während der Regentschaft Friedrich Wilhelm IV. von Peter Joseph Lenné und Fürst Hermann von Pückler-Muskau nach dem Vorbild englischer Landschaftsgärten beidseits des Gewässers angelegt worden war. Preußens Arkadien zwischen Potsdam und Berlin hatte die Monarchie, die Weimarer Republik, die nationalsozialistische Diktatur und den Zweiten Weltkrieg weitgehend unbeschadet überstanden – bis die Parkanlagen Babelsberg, Neuer Garten, Sacrow, Glienicke und Pfaueninsel mit dem Mauerbau am 13. August 1961 zu einem Schauplatz des Kalten Krieges wurden, da die deutsch-deutsche Grenze mitten durch den Fluss führte.

schloss_pfaueninsel_r._thiele_2008_cc-sa_3.0_unported.jpgDie Wunden des ostdeutschen Grenzregimes, das allein in diesem Areal mindestens neun Menschen das Leben kostete, sind heute nicht mehr sichtbar. Auch sind die ursprünglichen Blickbeziehungen zwischen den zahlreichen Schlössern und historischen Schmuckbauten dies- und jenseits von Havel und Jungfernsee wieder hergestellt. Noch bis zum 13. November 2016 erzählt eine sehenswerte Ausstellung im Schloss Sacrow von der brachialen Zerstörung der östlichen Grünanlagen – und ihrer langwierigen Restauration seit dem Mauerfall am 9. November 1989. Berichtet wird aus der Perspektive östlicher und westlicher Landschaftsgärtner, die über Jahrzehnte für die Parkanlagen beidseits des Grenzverlaufs verantwortlich waren. Beeindruckend ist ihre Leidenschaft für das historische Gesamtkunstwerk, das sie als Gärtner gegen staatliche Eingriffe zu verteidigen suchten, die auf DDR-Seite nur ein Ziel kannten: Den "antifaschistischen Schutzwall" vor sogenannten "Grenzverletzern" zu schützen. Um freies Sicht- und Schussfeld auf Flüchtende zu erhalten, ließ man etwa 30 Hektar und damit fast Zweidrittel der östlichen Parkanlagen in eine Mondlandschaft verwandeln. Jahrhunderte alte Bäume wurden gefällt, Grünflächen mit Herbiziden devastiert, gerodet, planiert, asphaltiert. Betonmauern, Streckmetallzäune und Stacheldraht säumten das Gebiet, Wachtürme wurden gebaut, Hundelaufanlagen installiert, an der Uferkante Nagelmatten ausgebracht. Zudem wurden die historischen Sichtachsen auf die andere Wasserseite – in den Westen – verbaut oder dem Wildwuchs überlassen. Wer im Neuen Garten spazieren ging, sollte nicht einmal mehr nach drüben blicken können.

Preußen galt nach offizieller DDR-Lesart als Vorläufer des Nationalsozialismus. Das preußische Erbe genoss daher kaum denkmalpflegerischen Schutz, weshalb die Gärtner den ständigen Forderungen nach einem weiteren Ausbau der Sicherheitsarchitektur wenig entgegen zu setzen hatten; zahlreiche Zerstörungen mussten sie hilflos mit ansehen. Dass die 1790 nach Plänen von Langhans errichtete Meierei am Ufer der Jungfernsees heute noch steht, ist jedoch ihr Verdienst. Ähnlich verhält es sich mit der Sacrower Heilandskirche, die 1844 von Persius erbaut worden war. Ihr Turm war nun Teil der Grenzbefestigungen, das zunehmend verfallende Kirchenschiff stand im Niemandsland direkt an der Havel. Beide Kleinode waren somit vom Westen aus sichtbar, ihr Abriss hätte dem Ansehen der nach internationaler Anerkennung strebenden DDR geschadet – ein Argument, dass sich die Gärtner zu eigen machten. Erich Honecker erlaubte schließlich sogar, dass das Dach der Heilandskirche Mitte der 1980er Jahre mit privaten Spendengeldern aus Westberlin restauriert wurde.

bundesarchiv_bild_170-481_max_baur_potsdam_an_der_meierei_cc-by-sa_3.0.jpgDas Streben nach internationaler Anerkennung spielte den Gärtnern noch in anderer Hinsicht in die Hände. Als der damalige UNO-Generalsekretär Kurt Waldheim die DDR 1976 drei Jahre nach ihrem Beitritt zu den Vereinten Nationen besuchte, wurde er im Schloss Cecilienhof – wo 1945 das Potsdamer Abkommen unterzeichnet worden war – untergebracht. Im Neuen Garten am Jungfernsee gelegen, hatte er von dem Hotel in dem Hohenzollernschloss aus die Betonmauer direkt vor Augen – über deren Hässlichkeit er sich prompt ausließ. Was folgte, ist den Akten zu entnehmen: 13 Jahre lang, bis zum Mauerfall, verlangte eine eigens eingerichtete staatliche Kommission die Begrünung der Innenseite der Mauer. Wegen des massiven Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln durch die Grenztruppen wuchs dort jedoch nichts mehr. "Für uns Gärtner war das ein heimlicher Triumph", erinnert sich einer der Beteiligten.

Nach dem Mauerfall erfüllte sich ihr Lebenstraum: die Heilung der Kulturlandschaft. Mit der gleichen Leidenschaft, mit der sie zuvor mit ihren Mitteln als Gärtner den staatlichen Furor zur Grenzsicherung karikiert hatten, machten sie sich nun an die Wiederherstellung der zerstörten Flächen auf Grundlage der historischen Pläne. Auch diese Bemühungen dokumentiert die Ausstellung mit zahlreichen Dokumenten, Bildern und Filmen, en passent erfährt der Besucher viel über Gartenkunst und Landschaftsarchitektur. Und wer im Anschluss durch den Sacrower Park schlendert oder mit dem Wassertaxi zur Moorlake oder zur Meierei übersetzt, ist ihnen dankbar. Hier ist zusammengewachsen, was zusammen gehört. Trotzdem bleibt ein Rest von Irritation. In Preußens Arkadien erinnert heute nichts mehr an die Grenze und an die Brutalität, mit der Menschen und Landschaft von einander getrennt waren.

 

Die von Jens Arndt kuratierte Ausstellung Gärtner führen keine Kriege. Preußens Arkadien hinter Stacheldraht ist noch bis zum 13. November 2016 im Schloss Sacrow (Weinmeisterweg 8, 14469 Potsdam-Sacrow) zu sehen. Im Buchhandel sind Buch und Film zur Ausstellung erhältlich. Veranstalter ist der gemeinnützige Verein Ars Sacrow e.V. Das Begleitprogramm zur Ausstellung finden Sie hier.

Dr. Bettina Greiner, Historikerin, ist Mitarbeiterin des Hamburger Instituts für Sozialforschung und Koordinatorin der Berliner Colloquien zur Zeitgeschichte und des Berliner Kollegs Kalter Krieg. Sie arbeitet zu politischer Verfolgung und (Lager-)Haft im 20. Jahrhundert.

 

Zitierempfehlung:
Bettina Greiner, "Gärtner führen keine Kriege. Preußens Arkadien hinter Stacheldraht" - Eine Ausstellung im Schloss Sacrow, 08.09.2016, http://berlinerkolleg.com/de/blog/gaertner-fuehren-keine-kriege-preussens-arkadien-hinter-stacheldraht-eine-ausstellung-im (bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu)

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