6.6.2017

Die 'Interpreten Europas' und der Kalte Krieg. Deutungsmuster in den französischen, deutschen und polnischen Geschichts- und Literaturwissenschaften

Das Habilitationsprojekt nimmt die ersten beiden Nachkriegsjahrzehnte in den Blick, als die europäischen Gesellschaften den "Ort" neu bestimmen mussten, an dem sie sich sahen und den sie im Spannungsfeld der konkurrierenden Ordnungsvorstellungen des Kalten Krieges kulturhistorisch zu legitimieren suchten. Vergleichend untersucht werden wissenschaftliche Selbstentwürfe im Europa der Nachkriegszeit, und dabei liegt der Schwerpunkt auf Literatur und Geschichte als zentralen Diskursen der nationalen Identitätskonstruktionen.

Werner Conze (c) wikimedia commonsAus Frankreich, der Bundesrepublik, der DDR und Polen wurde das Werk je eines Historikers und je eines Literaturwissenschaftlers gewählt, die an den Aushandlungsprozessen der Nachkriegszeit signifikanten Anteil hatten: Fernand Braudel und Robert Minder in Frankreich, Werner Conze und Ernst Robert Curtius in der BRD, Walter Markov und Werner Krauss in der DDR und Oskar Halecki und Czesław Miłosz in Polen bzw. im amerikanischen Exil.

Auffallend ist, dass der Kalte Krieg in den Programmatiken dieser Historiker und Literaturwissenschaftler eine eher geringe Rolle spielt. Stattdessen wurde bis in die 1960er Jahre hinein sehr selbstverständlich mit einem ungeteilt gedachten Europa argumentiert. Welches historische Denken "begegnete" hier dem Kalten Krieg? Wie konnte an Europa- und Nationenverständnissen festgehalten werden, die aus heutiger Perspektive entweder zur Vor- und Zwischenkriegszeit oder sogar zu den Jahrzehnten seit 1989 viel eher zu passen scheinen als zu den Hochphasen des Kalten Krieges? Anders als vermutet werden könnte, ging es diesen Wissenschaftlern nicht um eine "Unterwanderung" der Systemgrenzen und auch nicht darum, der bipolaren Logik ihrer Zeit programmatisch etwas entgegenzusetzen. Vielmehr setzten sie Diskussionen um Herausforderungen der modernen Welt fort, die auch in den USA und der Sowjetunion geführt worden waren, dort unter den veränderten Bedingungen des Systemkonflikts aber oft weit stärker in den Dienst der ideologischen Auseinandersetzung zwischen Ost und West genommen oder sogar gezielt zur jeweiligen Gegnerforschung umgemünzt wurden. Die Selbstverständigung Europas nach 1945, wie sie in den Positionen dieser Autoren zum Ausdruck kommt, folgte verglichen damit einer etwas anderen Logik. Hier wurde der Kalte Krieg weniger als "neue" Weltordnung, denn als Teil der "langen Dauer" der Moderne seit dem 18. Jahrhundert und, wie der Zweite Weltkrieg auch, als Symptom der Krise Europas interpretiert – von Liberalen, Konservativen und Marxisten gleichermaßen. Dieser Krise entgegenzutreten, hatten die französischen und deutschen Geschichts- und Literaturwissenschaftler bereits in den Zwischenkriegsjahren begonnen, während in Polen die wiedererlangte staatliche Souveränität der Anlass war, Polens Platz in Europa zu bestimmen. Beide Dynamiken und die damit verbundenen wissenschaftlichen Innovationen blieben im Nachkriegseuropa für diese Fächer relevant, wurden fortentwickelt, ohne sie den konkurrierenden Standpunkten der beiden Supermächte notwendig zu- oder unterzuordnen.

Die Annales, wie Braudel sie prägte, die Mentalitätsgeschichtsschreibung Minders, die Sozialgeschichte Conzes, die von Curtius initiierte Toposforschung, die Aufklärungs- und Revolutionsforschung von Krauss und Markov und die Arbeiten zur ostmitteleuropäischen Geschichte und Literatur, die Halecki und Miłosz in Polen und im Exil verfassten, werden darum heute und zu Recht nicht als Beitrag dieser Wissenschaftler zum Kalten Krieg rezipiert und auch nicht als Teil der Opposition gegen die neue Weltordnung gedeutet. Zwar spielten Themen, Überzeugungen und Feindschaften des Kalten Krieges bei allen durchaus eine Rolle. Aber von einer Aneignung bipolarer Logiken und Gedankenmodelle kann keine Rede sein.

Sich auf Deutungsmuster des Kalten Krieges einzulassen, hätte intellektuelle wie methodische Engführungen bedeutet, die nicht im Interesse dieser Wissenschaftler sein konnten. Wer wie Braudel, Conze und Markov eine auf Politik- und Ereignisgeschichte konzentrierte Geschichtswissenschaft überwinden und stattdessen die Bedeutung sozialhistorischer Strukturen betonen wollte, argumentierte gesamteuropäisch, wenn nicht globalhistorisch, ohne die Reichweite seiner Thesen der Ost-West-Dichotomie unterordnen zu wollen. Gleiches gilt für Conzes – ursprünglich aus nationalistischen Denkmustern der deutschen Ostforschung entwickelte – Sozialgeschichtsschreibung. Minder und Curtius folgten dem erklärten Ziel, Europas Krise durch "mehr Europa" zu überwinden, arbeiteten also an Transfer- und Verflechtungsmodellen und mit komparatistischen Methoden. Eine dezidierte Ablehnung aller kommunistischen Bestrebungen, wie Curtius sie äußerte, ging dabei nicht mit einer Zuordnung der eigenen Position zum "Westen" einher, wenn mit dem Westen die USA gemeint waren. Krauss initiierte in der DDR eine Aufklärungsforschung, die europäisch und marxistisch, aber nicht gemäß der in seinen Augen plumpen Ost-West-Gegnerschaft verfasst war. Halecki und Miłosz entwickelten Deutungsmuster, die Polens Bedeutung für Europa unterstreichen sollten, ohne dabei nationalistische zu sein. Das Modell der Geschichtsregion, eine bis heute für Forschungen zu Ostmitteleuropa relevante Konzeption, war ein Ergebnis dieses Versuchs, der deutlich gegen die kommunistische wie gegen jede Fremdherrschaft gerichtet war, polnische Interessen aber eher in einer ungeteilten „Geschichtsregion Europa“ als in der Parteinahme für den Systemgegner USA gewahrt sah. Paradigmatisch für dieses europäische Selbstbewusstsein ist Haleckis Diktum, Europa habe sich nach Amerika ausgedehnt und der Atlantik sei zu einem "Binnenmeer der Christenheit" geworden.

Also kein Kalter Krieg? Nirgends? Doch. Seiner institutionellen Macht entkam keiner dieser Wissenschaftler. Am deutlichsten bekamen Halecki und Miłosz sie zu spüren, die aus Polen fliehen mussten. Krauss und Markov blieben zwar in der DDR, konnten aber zahlreiche Forschungsvorhaben nicht verwirklichen, weil sie nicht systemkonform genug waren. Braudel formulierte Anträge bei der Rockefeller-Stiftung so, dass sie für diese Stiftung hinreichend antikommunistisch, in den Ohren der französischen Wissenschaftsadministration zugleich nicht allzu proamerikanisch klangen. Die Liste der Beispiele ließe sich fortführen. Die Bedingungen für wissenschaftliches Arbeiten waren also deutlich durch die neue Ordnung geprägt. Wenn auch weniger ideell, so hat der Kalte Krieg doch institutionell die Arbeit dieser Wissenschaftler spürbar beeinflusst.

 

Dr. Barbara Picht ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungsprojekt "Entgrenzter Kapitalismus" an der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder). Sie stellte ihr Habilitationsprojekt am 10. Januar 2017 beim Brown Bag Breakfast des Berliner Kollegs Kalter Krieg vor.

 

Zitierempfehlung:
Barbara Picht, Die 'Interpreten Europas' und der Kalte Krieg. Deutungsmuster in den französischen, deutschen und polnischen Geschichts- und Literaturwissenschaften, 06.06.2017, http://berlinerkolleg.com/de/blog/die-interpreten-europas-und-der-kalte-krieg-deutungsmuster-den-franzoesischen-deutschen-und (bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu)

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