8.12.2015

DDR und PLO. Die Palästinapolitik des SED-Staates

Die SED suggerierte über Jahrzehnte hinweg, dass sie ein enges und besonderes Bündnis mit der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) unter Führung Jassir Arafats pflege, das auf gemeinsamen Werten und geteilten politischen Überzeugungen beruhe. Ost-Berlin war demnach ein gefragter einflussreicher Partner der PLO, der schon zu einem frühen Zeitpunkt und uneingeschränkt für die Rechte der Palästinenser, ihre Selbstbestimmung und ihren eigenen Staat neben Israel eintrat.

Lutz Maeke gelangt in seiner Dissertation zu anderen Ergebnissen: Zwietracht und Konfrontation, nicht Freundschaft und Vertrauen, prägten das Verhältnis zwischen der DDR und der PLO unter Vorsitz Jassir Arafats von Beginn an – denn die SED lehnte die innerpalästinensische Führungsrolle von Arafats politischer Partei Fatah entschieden ab. Die ostdeutsche Politik wollte einen Machtverzicht der als prowestlich und antisozialistisch charakterisierten Fatah innerhalb der PLO erzwingen zugunsten fortschrittlicher und prosozialistischer Teile des palästinensischen Widerstandes. Um dieses Ziel zu erreichen, war Erich Honecker zu einer fast bedingungslosen Unterstützung der radikalen Anti-Fatah-Politik Syriens bereit: Die DDR war somit ein entscheidender Akteur im Kampf Hafiz al Assads gegen Jassir Arafat und die Fatah in den 1970er und 1980er Jahren. Für die Fatah wiederum, die eine doppelte Deutschlandpolitik betrieb, war die politische Unterstützung der Bundesrepublik seit dem Ende der 1960er Jahre im Vergleich zu derjenigen, die sie vonseiten der DDR erhielt, von weitaus größerer Bedeutung. Bonn war der mit Abstand verlässlichere Partner der Fatah.

Indem das SED-Regime den politischen Handlungsspielraum Arafats und den der Fatah durch die Unterstützung ihrer radikalen Feinde maßgeblich einschränken wollte, stärkte die DDR zugleich die radikalsten Gegner Israels und schwächte gemäßigte, auf Ausgleich im Nahostkonflikt bedachte Palästinenser.

Dr. des. Lutz Maeke, Historiker, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin, Abteilung Lichterfelde. Er stellte seine Dissertation am 8. Dezember 2015 im Rahmen des 2. Brown Bag Breakfast des Berliner Kollegs zur Diskussion. Das Buch erscheint 2017.

 

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