23.5.2018

From below and in between. Narrating and Practicing the Cold War in South East Europe - Ein Workshop-Bericht

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Die Forschung zum Kalten Krieg hat sich in den letzten Jahren verändert. Die Konfrontation der beiden Supermächte steht nicht mehr unangefochten im Mittelpunkt des Interesses. Stattdessen wird zunehmend nach der Handlungsmacht kleinerer Staaten gefragt.[1] Zudem werden die Folgen einer bipolaren Einteilung der Welt nun auch über das diplomatische Feld hinaus für viele andere Lebensbereiche diskutiert. Neue Impulse bietet auch die Global History, mit der das nationalstaatliche Primat problematisiert wird. Fragen nach Feldern und Akteuren transnationaler Verflechtung rücken also verstärkt in den Blickpunkt. Gleiches gilt für Austauschbeziehungen, die die politischen Blockgrenzen transzendierten.[2]

Photo: „Tito sa Ernestom Če Gevarom, 1959. godina“, by Unknown (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Tito_sa_Ernestom_Če_Gevarom,_1959._godina.jpg), CC BY-SA 3.0Während die Historiografie zum Kalten Krieg also von wichtigen Innovationen profitiert, ist die Erforschung Südosteuropas von solchen Entwicklungen weitgehend unberührt geblieben. Dieser Befund erstaunt vor allem, weil der Kalte Krieg im Südosten des Kontinents auf vergleichsweise kleinem Raum eine politische Fragmentierung hervorbrachte, die im restlichen Europa ihresgleichen suchte. Während Griechenland und die Türkei früh Mitglieder der NATO wurden, waren Bulgarien, Ungarn und Rumänien Teil des Warschauer Pakts, wobei vor allem Rumänien zunehmend unabhängig von Moskau agierte. Gleiches gilt für Albanien, das 1968 aus dem Bündnis austrat und sich bis in die 1980er Jahre hinein immer mehr isolierte. Mit Jugoslawien befand sich im Zentrum der Region überdies einer der führenden Staaten der Blockfreien-Bewegung. Zwar sind mittlerweile erste Arbeiten mit explizitem Bezug zur Region erschienen. Bislang dominieren hierbei jedoch "traditionelle" diplomatiehistorische Ansätze.[3]

Ausgangspunkt des Workshops war daher die Überlegung, dass sich Südosteuropa als Region mit vielfältigen historisch gewachsenen Bezügen zur Erforschung von Abgrenzung auf der einen und von Austausch und Kooperation auf der anderen Seite geradezu aufzudrängen scheint. Es waren also die vielfältigen Wechsel- und Austauschbeziehungen zwischen den Strukturen globaler Ordnung und den regionalen und lokalen Dynamiken und Gegebenheiten, die uns interessierten. Jenseits der geo- und militärstrategischen Aspekte wurden daher neun Nachwuchsforscherinnen und Nachwuchsforscher eingeladen, die in ihren Beiträgen verstärkt akteurszentrierte Ansätze verfolgten und damit die konkrete Relevanz und Ausgestaltung des Kalten Kriegs in Südosteuropa verdeutlichten.

Im ersten Panel war die Frage zentral, wie sich die geopolitische Konstellation in Alltagskontexte "übersetzte" und auf welche Art sie im Denken und Handeln der Akteure relevant wurde. Außerdem interessierte uns, wie der Bezug auf eine bipolare Weltordnung als eine Art Ressource fungierte, mit der unterschiedliche politische, kulturelle oder wissenschaftliche Akteure in der Region eigene Ziele und Projekte verfolgten. So ging Florin Poenaru (Bukarest) am Beispiel von Reiseberichten über das westliche Ausland im sozialistischen Rumänien auf die zugrundeliegende "developmentalist logic" ein, die zwar konform mit der Parteilinie war, in diesem Rahmen jedoch auch Kritik zugelassen hätte. Beatrice Garapon (Bordeaux) führte aus, wie im Osten der Türkei seit dem Ersten Weltkrieg tradierte antirussische Ressentiments zur Formierung eines antikommunistischen Diskurses beitrugen. Szabolcs Laszlos (Bloomington, IN) Beitrag zeigte anhand des von amerikanischen Unternehmen finanzierten "Iowa Writing Program", das Autoren aus sozialistischen Staaten Aufenthalte in den USA ermöglichte, welche Bandbreite an Einschätzungen und Reaktionen diese Art inszenierter Begegnung­ bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern  – in diesem Fall aus Ungarn – erzeugte.

Im zweiten Panel ging es um Alternativen zur binären Logik des Kalten Krieges. Anders als bei den ersten drei Vorträgen spielte nun die Perspektive "from above" eine Rolle. So hob Dionysios Chourchoulis (Athen) am Beispiel Griechenlands den Einfluss nationalstaatlicher Interessen hervor und sah diese letztlich auch als ausschlaggebend für die gewaltarmen und erfolgreichen Konfliktmoderationen unterschiedlicher Akteure auf dem Balkan. In eine ähnliche Richtung argumentierte Corina Mavrodin (London), die anhand der gescheiterten Initiative des rumänischen Präsidenten Dej für ein Balkan-Bündnis Rumäniens Aspirationen auf eine regionale Mittlerrolle aufzeigte. Ausgehend von einer kulturgeschichtlich inspirierten Politikgeschichte analysierte Bogdan Zivkovic (Rom) schließlich die Kontakte zwischen der italienischen KP und dem Bund der Kommunisten Jugoslawiens im Jahr 1956.

Photo: Nicolae Ceauşescu visiting Maputo, Mozambique, in April 1979, hosted by Samora Machel and his wife Graça Machel, Fototeca online a comunismului românesc, No. #L054 (5/16/2018)Das dritte Panel untersuchte transnationale Verflechtungsprozesse und fragte nach ihrem Einfluss auf Akteure in Südosteuropa während des Kalten Krieges. Am Beispiel der Mediatorenrolle, die das blockfreie Zypern unter Makarios III zwischen Lateinamerika und Griechenland eingenommen hatte, argumentierte Eugenia Palieraki (Cergy-Pontoise), dass die Geschichtsschreibung des Kalten Krieges die Beziehungen von Staaten des globalen Südens untereinander stärker berücksichtigen müsse. Leonora Dugonjic-Rodwin (Paris) ging in ihrem Beitrag über die politische Dimension hinaus. Anhand des Studierendenaustauschs, den Jugoslawien mit anderen Staaten der Blockfreien-Bewegung unterhielt, argumentierte sie, dass durch die Präsenz afrikanischer und asiatischer Studierender die jugoslawische Bildungspolitik eine reale Internationalisierung erfuhr. Den lusophonen Verbindungen des sozialistischen Rumäniens war schließlich der Vortrag Iolanda Vasiles (Coimbra/Timișoara) gewidmet, in dem sie anhand von Fotografien der Ceausescus in Mosambik und Angola Repräsentationen von nationaler Unabhängigkeit, Kolonialismus und Internationalismus diskutierte.

Sämtliche Beiträge des Workshops verbanden, dass sie Aushandlungsprozesse von Identität und Alterität thematisierten, die sich während des Kalten Krieges auch in Südosteuropa zumeist entlang der Blockgrenzen vollzogen. Dabei wurde jedoch auf andere Selbst -und Fremdverortungen rekurriert, wie etwa postimperiale Kategorisierungen. Durch die zentrale Rolle Jugoslawiens in der Blockfreien-Bewegung eröffneten sich zudem Manövrierräume für staatliche und gesellschaftliche Akteure, durch die der Systemantagonismus zuweilen überwunden werden konnte.

Insbesondere mit Blick auf das erste Panel ist zu konstatieren, dass sich die Handlungsspielräume zwar zunächst innerhalb binär konstruierter Rahmungen eröffneten. Bei genauer Betrachtung erwiesen sich die Wahrnehmungen und Deutungen des jeweils Anderen durch die entsprechenden Akteure jedoch als weitaus vielschichtiger und komplexer. Jenseits propagandistischer Inhalte gestalteten sich die gesellschaftlichen Beobachtungen und Schilderungen zuweilen erstaunlich differenziert und wiesen mit Referenzen auf das Habsburger Reich mitunter auf weit über den Kalten Krieg hinausgehende regionalspezifische Deutungsschemata hin. Ein binärer Ordnungsrahmen war in dieser Hinsicht zwar stets präsent, wurde zugleich aber auf vielfältige Weise gebrochen.

Dies spiegelt sich in den vielfältigen Mediatorenrollen und Mediationsangeboten in der Region wider, die vor allem im Hinblick auf die bisweilen sehr konfliktreiche Vergangenheit einerseits, aber auch die starke politische Fragmentierung auf engem Raum andererseits bemerkenswert sind. So hoben die auf dem Workshop verhandelten Beiträge in besonderem Maße auf internationaler Ebene Formen der Annäherung und der Deeskalation hervor. Gerade bei der Frage nach alternativen Ordnungen verlagerte sich der Fokus dabei eindeutig wieder weg von privaten Akteuren oder dem Alltagsgeschehen hin zu zumindest in der Region bedeutenden politischen Akteuren. Wie gut sich der Anspruch tatsächlich einlösen lässt, nach bedeutsamen alternativen Ordnungen und Initiativen aus einer Perspektive "von unten" zu fragen, ist vor diesem Hintergrund in der künftigen Forschung noch einmal kritisch zu überprüfen.

Der Workshop "From below and in between. Narrating and Practicing the Cold War in South East Europe" fand vom 1.-2. Juni 2017 an der Humboldt-Universität zu Berlin statt. Er wurde von Janis Nalbadidacis und Matthias Thaden organisiert und mit Unterstützung der Humboldt-Universität zu Berlin, der Südosteuropa-Gesellschaft, dem Centrum Modernes Griechenland und dem Berliner Kolleg Kalter Krieg durchgeführt.

 

[1] Laurien Crump, The Warsaw Pact Reconsidered. International Relations in Eastern Europe, 1955-1969 (London: Routledge, 2015).

[2] Vgl. hierzu u.a. Annette Vowinckel, Marcus M. Payk, Thomas Lindenberger (Eds.), Cold War Cultures. Perspectives on Eastern and Western European Societies (New York: Berghahn, 2012); Sari Autio-Sarasmo, Katalin Miklóssy (Eds.), Reassessing Cold War Europe (London: Routledge, 2011). Zuweilen wurde die Relevanz der Systemkonkurrenz gegenüber anderen globalen Entwicklungen gar gänzlich in Frage gezogen. Vgl. Akira Iriye, Historicizing the Cold War, in: Richard H. Immerman, Petra Goedde (Eds.), The Oxford Handbook of the Cold War (Oxford: University Press, 2013), pp. 15-31.

[3] Svetozar Rajak, Konstantina E. Botsiou, Eirini Karamouzi u.a. (Eds.), The Balkans in the Cold War (Basingstoke: Palgrave 2017).

 

 

Autoren:

Janis Nalbadidacis ist Doktorand am Lehrstuhl für Südosteuropäische Geschichte an Humboldt-Universität zu Berlin. Er forscht zu Repressionen während der Militärdiktaturen in Argentinien (1976-1983) und Griechenland (1967-1974).

Matthias Thaden ist ebenfalls Doktorand am Lehrstuhl für die Geschichte Westeuropas und der transatlantischen Beziehungen, Humboldt-Universität zu Berlin. Er forscht zum politischen Einfluss kroatischer Exilanten in der Bundesrepublik.


Zitierempfehlung:
Janis Nalbadidacis und Matthias Thaden, From below and in between. Narrating and Practicing the Cold War in South East Europe - Ein Workshop-Bericht, 23.05.2018, http://berlinerkolleg.com/de/blog/below-and-between-narrating-and-practicing-cold-war-south-east-europe-ein-workshop-bericht (bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu)

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