30.11.2016

Aus gegebenem Anlass

Mitte der 1980er Jahre gelang das scheinbar Unmögliche: Ronald Reagan und Michael Gorbatschow schlugen mittels ihrer Gipfeldiplomatie der politischen Phantasie eine Schneise und zeigten, wie eine Welt jenseits der Abschottung, des Verdachts und des Misstrauens aussehen könnte – nur wenige Jahre, nachdem die Ost-West-Beziehungen wieder einmal auf den Hund gekommen schienen.

Transcending the Cold War. Eds. Kristina Spohr and David Reynolds Die wohl wichtigste Lektion aus der Geschichte der Entspannungspolitik handelt vom Goldstandard internationaler Politik: Von Vertrauen und der Voraussetzung jedweder Vertrauensbildung, nämlich der Bereitschaft, die Dinge vom Standpunkt des anderen aus zu sehen. Während des Kalten Krieges war diese Fähigkeit immer wieder beschädigt, zuweilen gar ruiniert worden – daher die Rede von einer Epoche ohne Empathie und einer von den eigenen Vorurteilen verblendeten Politik. Hier setzten Willy Brandt und Richard Nixon mit ihrer Gipfeldiplomatie seit den späten 1960er Jahren einen markanten Gegenpunkt. Im Grunde ging es darum, die Welt zunächst mit den eigenen Augen zu sehen, dann mit den Augen des anderen und am Ende die beiderseitigen Wahrnehmungen daraufhin zu prüfen, wo die Gemeinsamkeiten liegen und wie schwer die Unterschiede ins Gewicht fallen. Nur mit dieser "Politik der sechs Augen", um eine Formulierung von Frank-Walter Steinmeier aufzugreifen, konnte man Differenzen diskutierbar machen und Interessen der Gegenseite begreifen. Gewiss ging Symbolisches oft auf Kosten des Substantiellen. Entscheidend aber war, dass am Ende nicht mehr übereinander, sondern miteinander geredet und der Raum des Politischen damit um ein Vielfaches erweitert wurde.

Auf dieser Grundlage konnten auch die anfangs der 1980er Jahre scheinbar heillos verfahrenen Beziehungen zwischen den USA und der UdSSR wieder reaktiviert werden. Zwischen November 1985 und Juni 1988 schafften Ronald Reagan und Michael Gorbatschow das ehedem Undenkbare oder vermeintlich Unmögliche: Sicherheitspolitik wurde nicht länger als Nullsummenspiel betrachtet – als ein Kräftemessen, bei dem man immer nur so viel gewinnen kann, wie die andere Seite verliert. Folglich ließ Michael Gorbatschow die USA weiterhin an ihrem Lieblingsprojekt weltraumgestützter Raketensysteme werkeln, obwohl die UdSSR nichts Vergleichbares in petto hatte. Selbst im Falle eines technologischen Durchbruchs, so seine Zurechtweisung interner Kritiker, würden die USA das für alle Szenarien hinreichende Zerstörungspotential Moskaus nicht aushebeln können. In anderen Worten: Gorbatschow riskierte eine Politik der einseitigen Vorleistung, unterstrichen durch die Bereitschaft, westlichen Experten größere Freiheiten bei der Inspektion sowjetischer Nuklearanlagen einzuräumen als die USA auf ihrem Terrain akzeptieren wollten.

Dadurch wurde nicht allein der Weg zum vollständigen Verzicht auf nukleare Mittelstreckenraketen freigeräumt. Auch der Traum von einer atomwaffenfreien Welt schien keine naive Spinnerei mehr zu sein. In jedem Fall hatten Reagan und Gorbatschow mittels ihrer Gipfeldiplomatie der politischen Phantasie eine Schneise geschlagen und gezeigt, wie eine Welt jenseits der Abschottung, des Verdachts und des Misstrauens aussehen könnte. Dass beiden – wie den anderen Granden der Entspannungspolitik – seitens der historischen Wissenschaft mittlerweile Kränze geflochten werden, schärft den Blick auf Vergangenes. Noch mehr aber ist es ein Kommentar zum politischen Blindflug unserer Tage – oder ein zeitgemäßer Appell.

 

Prof. Dr. Bernd Greiner ist Leiter des Berliner Kollegs Kalter Krieg | Berlin Center for Cold War Studies, Mitarbeiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung und Professor für Zeitgeschichte an der Universität Hamburg.

 

Zitierempfehlung:
Bernd Greiner, Aus gegebenem Anlass, 30.11.2016, http://berlinerkolleg.com/de/blog/aus-gegebenem-anlass (bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu)

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