5.10.2016

60 Jahre International Atomic Energy Agency (IAEA)

Ende September fand in Wien die 60. Generalkonferenz der International Atomic Energy Agency (IAEA) statt. Die älteste und größte internationale Organisation in Österreich ist vor allem durch ihre Rolle in den Atomverhandlungen mit dem Iran in den Blick einer breiteren Öffentlichkeit geraten. Doch während die P5+1-Verhandlungen den Namen der IAEA bekannt gemacht haben, bleiben die Organisation selbst und ihr vielfältiges Aufgabenfeld weitgehend unbeachtet. Das Wiener IAEA History Research Project widmet sich der Geschichte dieser bedeutenden internationalen Organisation. Gegründet 1957 durch eine ungewöhnlich erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen der amerikanischen und der sowjetischen Regierung, hat die IAEA nicht nur Krisen wie die Reaktorunglücke von Tschernobyl und Fukushima überlebt, sondern auch das Ende des Kalten Krieges.

Foto: Sitz der IAEA in Wien, Wikimedia CommonsDie Geschichte internationaler Organisation wird oft danach beurteilt, welche Rolle sie in der Gegenwart spielen. Im Fall der IAEA kann dies jedoch irreführend sein. Heute ist sie vor allem durch ihr globales Kontroll- und Inspektionsregime bekannt – die sogenannten IAEA Safeguards, die überprüfen, ob die Unterzeichnerstaaten des Atomwaffensperrvertrags (NPT) ihre Verpflichtungen einhalten. In den Anfangsjahren der IAEA waren es dagegen vor allem die zivilen Nutzungen der Kerntechnologie in Medizin, Landwirtschaft und Energiegewinnung, welche das größte Interesse auf sich zogen. Das galt insbesondere für die sogenannten Entwicklungsländer, die auf die Unterstützung der IAEA beim Aufbau ziviler Programme hofften. Der Ende der 1950er Jahre durch einen Walt-Disney-Film propagierte Slogan "Our friend the atom" brachte diesen Fortschrittsoptimismus der Zeit auf den Punkt. IAEA Safeguards wurden dagegen deutlich weniger positiv gesehen und galten vielen Mitgliedsstaaten als Einmischung in die Belange staatlicher Souveränität. Bis heute schlägt sich die Konkurrenz zwischen Kontroll- und Unterstützungsaktivitäten der IAEA in Kämpfen um das jährliche Budget nieder.

Immer wieder wird seit den Anfängen der IAEA auch die Frage diskutiert, ob die Gründung der IAEA nicht erst zur Verbreitung der militärischen Nutzung der Kernenergie beigetragen habe. Der amerikanische Präsident Dwight D. Eisenhower hatte im Dezember 1953 in einer Rede vor den Vereinten Nationen in New York die Gründung der IAEA angeregt. Er ging davon aus, dass die aktive Verbreitung ziviler Anwendungen der Nukleartechnologie deren militärische Verbreitung eindämmen würde. Nachdem seit Mitte der 1950er Jahre weltweit Uranvorkommen entdeckt wurden – man glaubte zuvor, Uran sei ein rarer Rohstoff – ging diese Logik jedoch nicht mehr auf.

Foto: IAEA History Research Project, Universität WienDer österreichische Wissenschaftsfond (FWF) fördert ein mehrjähriges Forschungsprojekt, in welchem die Gründungsgeschichte der IAEA in ihrer globalen Dimension umfassend untersucht werden soll.  Tatsächlich ist die Entstehungsgeschichte der IAEA sowohl von Ost-West als auch von Nord-Süd-Dynamiken geprägt. Während der vierjährigen Verhandlungen, die zur Gründung der IAEA führten, kämpften die soeben erst in die Unabhängigkeit entlassenen Staaten dagegen, dass die neue Organisation alte Großmachtkonstellationen aus der Zeit des Imperialismus wiederaufleben ließ. Während die Zusammenarbeit zwischen Ost und West in diesen Gesprächen mitunter auffallend gut war, standen sich die Industriestaaten und die zukünftigen Empfänger von IAEA-Hilfsprogrammen oft als Gegner gegenüber.

Ein weiteres Teilprojekt versucht durch Oral History Interviews jene Aspekte der IAEA-Geschichte für die Forschung zugänglich zu machen, die durch schriftliche Quellen nicht (oder aufgrund von Archivsperren noch nicht) zugänglich sind. Gefördert durch die Carnegie Corporation of New York und den Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank wurden hierzu fast 20 Interviews geführt, darunter mit den früheren Generaldirektoren Hans Blix und Mohamed ElBaradei. Die Interviews können online angesehen werden: http://iaea-history.univie.ac.at/oral-history-videos/

 

Dr. Elisabeth Roehrlich, Zeithistorikerin, ist Senior Fellow am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien, wo sie das IAEA History Research Project leitet.

Die von den einzelnen Autoren und Autorinnen veröffentlichten Texte und Artikel geben nicht die Meinung der Redaktion wieder.